Neue Presse, 23. März 2010

So lernen diese Kinder Cricket lieben

Vinnhorster Grundschüler üben in einer AG. Und sind mit Eifer dabei.

VON TIM BURCHARDT

HANNOVER. Julia Pannecke ist begeistert: „Die sind ja total konzentriert und hören zu.“ Die 29-Jährige ist Sportlehrerin an der Grundschule Vinnhorst und hätte eigentlich jetzt Unterricht. Doch statt Schule gibts gerade „die Cricket-AG. Das ist was ganz anderes“, erklärt Finn Schumacher ganz aufgeregt.
Obwohl es schon die sechste Stunde ist, lauschen die 13 Schüler der dritten und vierten Klassen Trainer Mark Bode, sie hängen an seinen Lippen, um auch ja nichts zu verpassen. Und wenn doch mal einer stört? „Dann wird der angemeckert. Ist doch klar. Weil ich sonst nichts verstehe“, stellt Finn klar.
Die Schüler stellen sich in zwei Reihen zum Staffellauf auf, die Stunde beginnt. „Das klappt sonst nicht so schnell“, ist Julia Pannecke noch immer beeindruckt. Die drei Mädchen und zehn Jungen umlaufen ein Cricket-Mal (Wicket, siehe Erklärung) und müssen dabei einen Ball weitergeben.
„So werden die Kleinen schon mal spielerisch an Cricket herangeführt“, erklärt Mark Bode, der seit Februar bis zu den Sommerferien die AG betreut, „leider nur einmal in der Woche 45 Minuten.“ Auch die zehnjährige Rebecca Engelhard hätte gern „mehr Extra-Unterricht“. Und obwohl die Kinder nur einen Einblick in diese neue Sportart bekommen, siehts schon vielversprechend aus: „Jetzt sucht sich jeder mal einen Partner und stellt sich ihm gegenüber auf.“ Bode gibt kurze Aufträge, „nicht so komplex, sondern so, dass jeder sie versteht. Hoffe ich jedenfalls.“
Und die Anweisungen kommen an: Obwohl es erst die dritte Trainingsstunde ist, „sieht es schon nach Cricket aus“, lobt auch Julia Pannecke. Die Kinder haben mittlerweile zwei Mannschaften gebildet und die Grundpositionen für ein kleines Übungsspiel eingenommen. Ein Team steht dabei in der Halle verteilt im Feld, das andere muss nacheinander, vorm Wicket stehend, den Ball möglichst weit wegdreschen.
Leicht gebückt hält Finn den Schläger, wippt mit den Füßen aufgeregt hin und her und wartet auf den Wurf. Doch der Ball kommt nicht. Noch nicht, weil Mark Bode „mal kurz korrigieren“ muss. Die Schlägerhaltung ist falsch: Ein kurzes Umgreifen, los gehts. Finn trifft den Ball optimal, in hohem Bogen fliegt er gut zehn Meter durch die Halle. Die Chance für Finn, die kurze, mit Hütchen abgesteckte Strecke zu bewältigen. Geschafft!
Bevor die gegnerische Mannschaft den Ball wieder beim Werfer hat, ist Finn am Ziel: ein Punkt für sein Team. Lautes Gegröle und von Mark Bode lobende Worte und der kurze Hinweis „Es geht weiter, aufpassen“.
Doch diesen Rat hätte sich der 32-Jährige sparen können. Denn: „Die sind ja immer noch total konzentriert. Obwohl die Stunde schon fast vorbei ist.“ Julia Pannecke kann es noch immer kaum glauben.
Und weil es so gut läuft, soll die Einheit auch im neuen Schuljahr weitergeführt werden.





Wie gehen die Regeln?

Auf dem europäischen Festland weitgehend unbekannt, begeistert Cricket in vielen Ländern Millionen Menschen - darunter England, Australien, Neuseeland, Indien, Pakistan, Sri Lanka, Südafrika und die Karibikinseln. Cricket, das im 16. Jahrhundert entstand, ist eine Schlagballsportart zwischen zwei Mannschaften mit jeweils elf Spielern.
Das Geschehen spielt sich hauptsächlich auf dem "Pitch" ab, einem rund 22 Meter langen und drei Meter breiten Streifen in der Mitte des Platzes. An beiden Enden steht jeweils ein Wicket (drei aufrechte Holzstäbe, mit zwei kleineren quer aufliegenden). Dieses Wicket muss vom Schlagmann ("Batsman") gegen das im Feld spielende und werfende Team verteidigt werden. Trifft der Schlagmann den harten, mit Leder überzogenen Korkball mit seinem flachen, breiten Holzschläger, kann er mit dem zweiten Schlagmann auf dem Pitch so lange zwischen den beiden Wickets kreuzen und Punkte ("Runs") erzielen, bis der Ball von der Feldmannschaft wieder zur Mitte befördert wird.
Es gibt jedoch zehn Möglichkeiten für den Schlagmann, aus dem Spiel auszuscheiden. Häufig wird sein Wicket vom Ball des Werfers ("Bowler") zerstört. Oft wird der geschlagene Ball auch von Feldspielern aus der Luft gefangen. Damit ist der Schlagmann aus ("out") und der nächste kommt an die Reihe, bis auch der zehnte Schlagmann aus ist. Danach wechseln die beiden Mannschaften.
Internationales Cricket wird in drei verschiedenen Formaten ausgetragen. Spiele, die über fünf Tage andauern können (natürlich mit Pausen), oder Tagesspiele, die entweder auf 20 oder 50 Overs beschränkt sind. Ein Over besteht immer aus sechs gültig geworfenen Bällen.



"Mal was anderes als Fußball"

Gespräch mit Cricket-Coach Mark Bode. Der 32-Jährige ist zugleich Cricket-Spartenleiter beim Hockey-Club Hannover.

Was macht Cricket für Kinder interessant?

Es ist vielseitig und mal was anderes als Fußball. Außerdem ist Cricket auch motorisch anspruchsvoll.

Inwieweit...?

Die Kinder müssen präzise werfen, die korrekte Schlaghaltung beherrschen, sich im Feld bewegen und sichere Bälle fangen können.

In welchem Alter kann man mit Cricket anfangen?

Ich denke, wenn die Kinder acht Jahre alt sind, macht der Sport Sinn und Spaß. Allerdings ist es immer wichtig, spielerisch und nicht zu ernst an die Sache heranzugehen.

Aber ist das Regelwerk nicht doch sehr kompliziert?

Auf keinen Fall. Denn ich bringe den Kindern das Spiel mit nur wenigen, verständlichen Regeln bei. Ein Beispiel: Sie müssen nicht die komplexe Wurftechnik mit gestrecktem Arm erlernen, sondern werfen locker aus der Hüfte.

Wie siehts mit der Ausrüstung aus?

Bei Kindern reicht die normale Sportkleidung aus, da wir nur mit Tennisbällen üben. Den Rest stellen wir.

Angenommen, ein Kind hat in der AG viel Spaß an Cricket. Gibt es auch einen Verein hier in Hannover?

Natürlich. Beim Hockey-Club Hannover gibt es neuerdings auch eine Cricket-Sparte mit drei qualifizierten Trainern (siehe Info-Kasten, d. Red.). tib

Neue Presse, 6. Oktober 2009